Expeditionsmobile - geländegängige Wohnungen

Die Reisemobilbranche boomt seit 20 Jahren

Der Boom in der Reisemobilbranche bleibt ungebrochen und nimmt sogar noch weiter Fahrt auf. Alleine beim Branchenführer Dethleffs laufen jedes Jahr über 10.000 Reise-mobile und Caravans vom Band. Die Zahl der in Deutschland neu zugelassenen Reise-mobile erreichte 2014 zum vierten Mal in Folge einen Bestwert, wie der Caravaning Industrie Verband (CIVD) mitteilt: Mit insgesamt 25746 neu zugelassenen Fahrzeugen ergab sich ein Plus von 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und der Trend hält an. Allein im September 2016 wurden in Deutschland 1.796 Wohnmobile neu zugelassen. Das sind 52,2 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Schließlich wurden 2016 knapp über 35.000 Wohn-mobile neu zugelassen. Das entspricht ca. 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Insgesamt gab es zum 1. Januar 2017 bundesweit einen Bestand von 452.325 zugelassenen Wohnmobilen. Die Bestandszahlen der Wohnmobile gibt das KBA nur einmal im Jahr heraus. Auch gebrauchte Wohnmobile sind weiterhin beliebt. Im Zeitraum Januar bis Juli 2016 meldet das KBA 39.687 Besitzumschreibungen in der Fahrzeugklasse der Wohnmobile. Im Juli wechselten bundes-weit 6.184 Wohnmobile ihren Besitzer. Die meisten Besitzumschreibungen geschahen dabei in Nordrhein-Westfalen mit 1201 Fahrzeugen, gefolgt von Bayern (1139) und Baden-Württemberg (867), wie Promobil verrät.

Gigantisch ist auch der Freizeitfahrzeugmarkt in den USA: In 2016 wurden rund 338.000 Caravans und 53.000 Reisemobile zugelassen. Das bedeutet ein Wachstum von 161 Prozent zwischen 2009 und 2016. Die amerikanische Caravaning-Branche macht derzeit einen Jahresumsatz von etwa 50 Milliarden Dollar. Damit gibt es im Segment Freizeitfahrzeuge derzeit die beste Marktlage seit etwa 40 Jahren. Die Branche schafft insgesamt 289.000 Arbeitsplätze, auf den US-Campgrounds gibt es etwa 45.000 weitere Arbeitsplätze. Derzeit laufen verschiedene Initiativen an, um erfolgreiche jüngere Kunden zu gewinnen. Zu einem nicht unerheblichen Teil ist der Camping-Markt aber auch ein Indikator für das Auseinanderklaffen der Reichtums-Armut-Schere, indem die Reisemobile immer noch größer und luxuriöser werden und die Preisspirale nach oben offen ist.

Dabei werden die Käufer immer älter - in den vergangenen 50 Jahren hat sich das Durch-schnittsalter von Reisemobilkäufern von unter 30 auf knapp 60 Jahre verdoppelt, während sich der Durchschnittspreis - nun freilich in Euro - verzehnfacht hat, wie der Verband weiter mitteilt. Die Branche hat die Zeichen der Zeit erkannt und gibt mächtig Gas, um die durch sie selber geweckten Bedürfnisse auf gewinnträchtigste Weise zu verwirklichen. Derzeit fahren auf Europas Straßen alleine ca. eine halbe Million deutscher Reisemobile - auf Europa hochgerechnet dürfte die Zahl von 5 Millionen längst überschritten sein. Damit einher gehen Jahr für Jahr zahllose weitere Einschränkungen und teilweise höchst unfaire Schikanen, die sowohl das Reisen als auch das freie Stehen mit dem eigenen Reisemobil verleiden. Die Urauslöser des mobilen Reisens, die Idee der grenzenlosen Freiheit, der idyllischen Ruhe und der Unabhängigkeit von vorgefertigten und nicht selten maßlos überteuerten Reiseanbietern, scheint von daher schon der Vergangenheit anzugehören.

Das wiederum lies Gedanken und Ideen reifen, Reisemobile herzustellen und zu beschaf-fen, die in freier Natur an Standplätze gelangen, wo sonst kein Wohnmobil hinkommt. Weg von allen Camping- und Reisemobilstellplätzen und Tourismuszentren, wo der ungestörte Genuss einer freien und vom Lärm der Zeit unverdorbenen Natur noch möglich sein würde - eine Idee freilich, die sich innerhalb des alten touristischen Europa nurmehr schwer verwirklichen lassen würde. Dies gebar die Idee einer Reisemobilvariante, für die unzu-gängliches Gelände kein Hindernis sein durfte. In Anlehnung an die großen Forschungs-reisen des 19. Jhs nannte man es "Expeditionsmobil". Dabei geht es heute nicht in erster Linie um tatsächliche Expeditionen im Sinne einer pionierartigen Erkundung von Neuland oder schwer zugänglichen Regionen aus wissenschaftlichen oder auch nur sportlichen Gründen, sondern um die Möglichkeit, sich vom ständig wachsenden und immer größerem Nepp ausgesetzten Reisemobilstrom abzusondern und wieder einsam in der Natur zu stehen, wie das vor 50 Jahren noch mit dem alten Hanomag- oder VW-Bus möglich war.

Gleichzeitig freilich haben sich auch die Lebensverhältnisse der meisten Menschen in den letzten 50 Jahren deutlich verändert. Wo früher das berüchtigte Gemeinschaftsklo im Treppenhaus bzw. Zwischengeschoß von Mietwohnungen die Regel war, genießt die verwöhnte Familie von heute die Möglichkeit, dass zumindest theoretisch nahezu alle Familienmitglieder gleichzeitig auf die Toilette gehen könnten. Und wo vor 50 Jahren im Winter der erste, der aufstand, erst einmal den Ofen anheizen musste - nicht nur, um ein warmes Zimmer, sondern auch um warmes Wasser für Kaffee oder Tee zu erhalten -, da schaltet die zimmerübergreifende Warmwasserheizung automatisch zu vorher bestimm-ten Zeiten und unter vorprogrammierten Temperaturen ein und verwöhnt die ganze Familie mit Warmdusche im Überfluss und behaglicher Wärme selbst im Flur oder Treppenhaus. So wenig jemand zurück wollte in die Verhältnisse vor 50 Jahren, so wenig wären wir heute zufrieden mit den Möglichkeiten, die der meist sehr provisorische Ausbau von Hanomag, VW-Bus & Co. der 1960er Jahre bot - auch und gerade im Expeditionsmobil, in dem wir wochen- oder gar monatelange leben müssen. Insofern unterscheidet sich das Abenteuer-mobil der Nachkriegszeit deutlich vom Expeditionsmobil des 21. Jahrhunderts:

Definition Expeditionsmobil:

"Ein Expeditionsmobil zeichnet sich vor allem durch seine robuste Konstruktion aus. Um Witterungen und für ein normales Fahrzeug schwer zugänglichem Gelände gewachsen zu sein, muss ein Expeditionsmobil eine Menge mitmachen können. Allradantrieb ist dabei natürlich Pflichtprogramm. Aber auch der Komfort darf nicht zu kurz kommen, schließlich ist man mit einem Expeditionsmobil meist sehr lange unterwegs, sodass Fahrerhaus und geräumige Kabine zum bequemen Zuhause werden müssen."

Aus dieser Definition der Firma BiMobil geht u.a. hervor, dass Expeditionsmobile im Grunde die Quadratur des Kreises zu erfüllen suchen: Sie müssen Allwetter- und Allterrain-Tauglichkeit mit hoher Zuladungsfähigkeit und geräumiger und behaglicher Wohnlichkeit, d.h. einer ausreichend großen und vollisolierten, sprich wintertauglichen Wohn-kabine verbinden. Alles andere sind allradtaugliche Schlafmobile oder sog. 4x4-Reise-mobile, aber keine Expeditions- oder - und das erscheint mir der bessere Begriff zu sein - Fernreisemobile. Denn es geht hier nicht wirklich um Expeditionen, sondern um Reisen in fremde Kontinente und auf unwegsamen Straßen, abseits der gängigen Touristenpfade. Mithin Reisen, die eine gewisse Autarkie aber auch die Fähigkeit des Fahrzeugs voraus-setzen, ohne fremde Hilfe durch möglichst jede Art von Terrain zu kommen.

Nun streiten sich die Geister hinsichtlich der Frage nach behaglicher Wohnlichkeit und ausreichend großem Wohnraum. Wo für junge Leute oftmals schon ein kleines Zelt diese Anforderungen erfüllt, haben ältere Semester im Laufe ihres Lebens und in zahllosen Erfahrungen in und mit der Wildnis andere Vorstellungen von Wohnlichkeit und Transport-fähigkeiten entwickelt. Im Gegensatz zur Sturm- und Drangphase junger Leute bedeutet ein Expeditionsmobil für sie nicht nur eine Art 'Basislager', in dem notdürftig gehaust werden muss und in dem alle Mittel einer rigiden Einschränkung bis hin zur drastischen Lebensmittelrationierung unterliegen. Insofern kann denn auch bei umgebauten Gelände-wagen mit Dachzelt nicht von Expeditionsmobilen gesprochen werden, da deren Zulade-fähigkeit ein mehrwöchiges Leben in freier Wildnis und bei allen Witterungen im Grunde nicht zulässt. Selbst ein allradtauglicher VW-Bus gerät hier an die Grenzen des Erträg-lichen, einfach weil zuladungsbedingt die Räumlichkeit fehlt, sich bei schlechtem Wetter tagelang ohne Kreuzschmerzen o.ä. im Fahrzeug aufzuhalten, geschweige denn nach einer Regen- oder gar Schneewanderung eine warme Dusche nehmen und die nassen Klamotten in einem abgeschlossenen Raum trocknen zu können.

Andererseits gilt für Expeditionsmobile mehr als für alle anderen Wohnmobile der Grund-satz: Multifunktionalität. Alle Ein- und Aufbauten haben wenn und wo immer möglich multifunktionalen Gebrauch. So kann es z.B. sinnvoller sein, eine flexible Einstiegsleiter/-plattform (der Einstieg in Expeditionsmobile ist in der Regel über einen Meter hoch) zu haben, die auch sonst (z.B. bei der Fensterreinigung oder Dachbesteigung etc.) des Mobils genutzt werden kann, als eine an der Kabine fest montierte und vielleicht gar elektrisch betriebene Leiter, die bei Stromausfall gänzlich nutzlos wird. Dies betrifft aber auch so elementare Dinge wie die Frage Schlafalkoven oder Hubdach, Nasszelle oder Heckgarage, wie noch zu zeigen sein wird.

Auch aus diesen Gründen setzt ein Expeditions- oder Fernreisemobil eine langwierige - oft mehrjährige - Planungsphase voraus, in der je nach Bedürfnislage und potenzieller Be-dürfnisänderung (siehe nächster Punkt)  zahllose Varianten durchgespielt werden müssen. Nur so kann gewährleistet werden, dass ein auf die augenblicklichen wie auch auf die zukünftigen persönlichen Bedürfnisse zugeschneidertes Heim auf Rädern auch über Jahre und Jahrzehnte seinen Dienst erfüllen kann. Gerade der Wandel vom reinen Reisemobil zum geländetauglichen Freicamper (siehe weiter unten) hat uns gezeigt, dass die mensch-lichen Bedürfnisse immer im Wandel begriffen sein werden, weshalb schon bei der Planung alle einigermaßen plausibel nachvollziehbaren Bedürfnisänderungen durchge-spielt werden sollten. Dies betrifft in erster Linie das physische Älterwerden, aber auch psychologische Faktoren wie Motivationsfaktoren o.ä.; und nicht zuletzt gesellschafts- und verkehrspolitische Faktoren, welche z.B. den Zugang zu gewissen Gebieten erschweren bzw. die Motivation für diese Gebiete beeinträchtigen könnten.

Nachfolgende Untermenüs versuchen, diesen äußerst vielschichtigen Planungsvorgang - wenn auch in Grenzen - nachvollziehbar zu machen.

 

Im Wandel der persönlichen Bedürfnisse

Wer immer mit dem Gedanken spielt, sich ein (Langzeit-)Reisemobil zuzulegen, ist gut beraten, sich vorab Gedanken zu machen, für welche Arten von Urlaub o.ä. er dieses Fahrzeug braucht. Denn die Beantwortung dieser Frage ist nicht nur ausschlaggebend für die Wahl des Fahrzeugs, sondern auch für die Art und Weise des Ausbaus. Aber dies ist nur die halbe Wahrheit, denn Bedürfnisse ändern sich oft schneller, als Mann/Frau denken. Dies passiert vor allem in und mit der Betätigung dessen, worum es bei Reisen geht. Insofern haben erfahrende Wohnmobilisten bei der Wahl eines weiteren Fahrzeug(-Aus-baus) einen Vorteil gegenüber Neuankömmlingen, die noch gar keine Ahnung haben können, was bzw. wofür sie eine fahrende Wohnung primär verwenden wollen. Ein paar erste Gedanken sind hier niedergeschrieben. Was damit verbunden ist bzw. sein kann, erfährt der geneigte Leser (Geschlecht m/w) auf den folgenden Unterkapiteln. Im Moment geht es einfach um die Erfahrung, dass sich Bedürfnisse gerade in und mit der Betätigung einer Sache oftmals schneller ändern können, als man dies im Voraus zu planen bereit ist. Diese im Grunde genommen Binsenweisheit nimmt direkt proportional zu mit dem Grad der Unbekanntheit einer Sache, die sich nicht zuletzt auch im Mangel an vorausschauen-der Planung bei der Entscheidungsfindung in der Frage des richtigen Reisegefährts spie-gelt. Hier ist es wie in der Wahl des Lebensgefährten: Schnellschüsse gehen meist nach hinten los.

Unsere Wohn- und Reisebedürfnisse, jedenfalls, haben sich im Laufe der vergangenen 25 Jahre Wohnmobilfahren teilweise drastisch geändert. Während wir zu Anfang noch ganz wild darauf aus waren, möglichst viel zu sehen und zu erkunden und damit das Wohnmobil in erster Linie Reisefahrzeug mit witterungsgeschütztem Schlafplatz war, haben sich unsere Bedürfnisse mit den Jahren geändert. Nun sehen wir das Wohnmobil als eine Art mobile Ferienwohnung, mit der wir an landschaftlich außergewöhnliche Stellplätze gelangen und uns dort u.U. für Wochen niederlassen. Stellplätze, die fernab allen Tourismuses und allen Sightseeing-Wettbewerbs uns Ruhe und Bequemlichkeit bescheren. An die Stelle von Sightseeingtouren und Abenteuerfahrten um derselben willen sind Ausspannen und idyllisches Campieren in freier Wildnis getreten. Leib und Seele baumeln zu lassen, tagelang irgendwo an den Gestaden eines einsamen Sees oder Flusses zu lesen, im Liegestuhl zu dösen oder seelisch genussreiche Spaziergänge zu machen usw., sind uns mittlerweile viel wichtiger als nach landschaftlichen oder kulturellen Sehenswürdigkeiten zu jagen, die eigenen Grenzen austesten zu müssen oder gar exotische Länder oder Landstriche um deren Exotik oder sonstigen Neuheitscharakters willen zu erkunden.

Aber auch dem Alter sollte Rechnung getragen werden. Sowohl das körperliche Immun-system als auch die gesamte Physis haben nicht mehr die Abwehr- und Spannkraft, die für jüngere Semester so selbstverständlich scheint, dass man sich darüber keinerlei Gedanken zu machen braucht. Kommen dann die ersten Rückenschmerzen und ähnliche typischen Altersbeschwerden, wollen diese in die Planung miteingebracht werden. Wer schon taglang im Wohnmoibl im Bett verbringen musste, weiß, was für Annehmlichkeiten dann gefragt sind. Und vor allem, er weiß, auf was er bei der Raumplanung usw. achten muss. Lehnen-verstellbare Korbsessel erhöhen dann den Wohnkomfort um einige Hundert Prozent gegenüber nahezu senkrechten Lehnen von meist wenig tiefen Truhenbänken. Das selbe gilt für individuell zugängliche Betten, ohne diese jeden Tag neu um- oder gar ab- bzw. aufbauen zu müssen. Das ist das Ergebnis langjähriger Wohnmobilerfahrungen.

Dieser Grundeinstellung mussten (und müssen in Zukunft noch vermehrter) alle weiteren Überlegungen folgen, nicht zuletzt auch die in der Frage des Basisfahrzeugs und seiner Konkurrenten (siehe die folgenden Unterkapitel):