Frohe Weihnachten ...???

Von der Fragwürdigkeit des Feierns zum Weihnachtsfest

 

Am Weihnachtsfest vor 100 Jahren trafen sich über 100.000 deutsche und alliierte Soldaten an der Westfront, um außerhalb der Schützengräben, unter dem Zynismus von Tausenden angekarrter deutscher Tannenbäume und zu von schottischen Dudelsäcken intoniertem "Stille Nach, heilige Nacht" miteinander, oftmals Hand in Hand, Weihnachten zu feiern. Bilder von den Lieben daheim machten die Runde und es schien eine Ahnung in ihnen aufzukommen, dass sie alle im Grunde nur instrumentalisiert würden von gewissenlosen und bornierten Herrschern und gerissenen und auf Heldenethos programmierten Militärs. Drei Tage durfte das Massensterben  innehalten bevor die hohen Herrschaften wieder das Siegen oder Sterben geboten und Millionen von Vätern und Kindern zur Schlachtbank führten. Dabei waren Heldentum und Vaterlandsliebe längst im Blutstrom weggeschwemmt worden oder in der Sinnlosigkeit des gegenseitigen Mordens verflogen. Den meisten war nach fast einem halben Jahr Krieg und angesichts des verheerenden Blutzolls von Abertausenden von verstümmelten und zerrissenen Leibern klar, dass sie die grauenvolle Zeche zu zahlen hätten für den verbrecherischen Wahn gewissenloser Staatenlenker und einer der krankhaften Ehrsucht und Kriegsgeilheit verfallenen, senilen Generalität (eine beweiskräftige Lektüre hierzu lieferte schon vor Jahren der ehemalige Britische General und spätere Psychoforscher Norman Dixon in seinem - leider immer noch weitgehend in militärischen Kreisen verbotenen - Jahrhundertwerk "On the Psychology of Military Incompetence").

 

 

Mittlerweile sind 100 Jahre und Abertausende von Kriegen und andere Rechtsverletzungen ins Land gezogen, das individuelle wie das völkische Unrecht hat einen nie erreichten Höhepunkt erklommen, sodass mit Fug und Recht gesagt werden kann: Einzelne Menschen haben vielleicht Fortschritte gemacht, aber die Menschheit als Ganzes, als Corpus collectivum, hat nichts, absolut gar nichts gelernt! Zwar haben wir hier im alten Europa eine relativ lange Epoche des Friedens, aber auch dieser ist alles andere als stabil. Und er ist außerdem begrenzt auf eine Friedensdefinition, die rein militärischer Natur ist, nämlich die Abwesenheit von militärischer Auseinandersetzung. Aber seit Jahrzehnten herrscht auch in Europa ein furchtbarer Wirtschaftskrieg, der die reichen Länder noch reicher machte und die armen an den Rand des Ruins bzw. tatsächlich in den Ruin trieb. Und selbst die Abwesenheit von militärischen Konflikten in Europa hat uns nicht davon abgehalten, zahllose Nebenkriegsschauplätze zu eröffnen, schließlich brauchten wir Abnehmer für unsere Rüstungsindustrie, die mit zum wirtschaftlichen Aufschwung beitrug. Ansonsten wird wie eh und je rund um den Globus  gezündelt, Hass geschürt, gemordet und gebrandschatzt und wir alle stehen gelähmt und hilflos daneben und sehen zu, wie die internationale Politik sich gegenseitig in erschreckender Hilflosigkeit und kindlicher Einfältigkeit überbietet. Der wahre Sinn von Weihnachten – die Geburt eines neuen Denkens, Sinnens und Trachtens in uns Menschen – ist heute so sinnlos und weit entfernt wie damals. Es ist geradezu absurd, wie wir die Geburt desjenigen vorgeben zu feiern, dessen Erbe wir komplett verraten und dessen Lebensmaxime wir mit Stumpf und Stiel ausgerottet haben.

 

Insofern gibt es keinen plausiblen Grund, Weihnachten oder die Geburt des Erlösers zu feiern – nicht einmal einen nachvoll-ziehbaren Grund, sich zu besaufen. Jede individuelle Feierstimmung ist angesichts von Unrecht und Blutvergießen entweder nur das schuldhafte Verdrängen einer grausamen Realität oder ein ebenso krankhafter Narzissmus und Egoismus, dem es nur noch um die eigenen Interessen geht. Zwischen Weihnachten 1914 (Westfront), Weihnachten 1941 (Stalingrad) und Weihnachten heute ist - moralisch gesprochen (ganz zu schweigen von christlich oder menschlich ...)  kein großer Unterschied. Der einzige relevante Grund zu feiern wäre, wenn wir – jeder einzelne und damit auch die Völker der Erde – solidarisch aufstünden und die Herrschenden dieser Welt in einen riesigen Käfig sperrten, aus dem sie erst wieder freikämen, wenn sie alle zusammen Frieden gemacht und, als unmittelbare Voraussetzung dazu, der Gerechtigkeit genüge getan und diejenigen, die dazu nicht bereits sind, aus der menschlichen Gesellschaft verbannt hätten. Selbst wenn wir ein solches Ansinnen unter pragmatischen Gesichtspunkten als ein hypothetisches Unterfangen betrachten mögen, machen wir uns - nicht nur mit jeder Wahl, sondern im Grunde genommen mit jedem Wegsehen - doch mehr oder minder mitschuldig an dem millionenfachen Morden und der himmelschreienden Ungerechtigkeit, die diesen Erdball für eine ganz große Mehrheit zu einer Hölle hat werden lassen.

 

Denn: "Wenn jemand weiß, was gut und richtig ist, und es doch nicht tut, macht er sich schuldig." (Jakobus 4,17/Neue Genfer Übersetzung)

 

Oder in den Worten von Max Frisch:

"Das Schweigen zu einer Untat, die man weiß, ist die allgemeinste Art unserer Mitschuld ..."

 

So warten wir alle immer noch umsonst auf jenen lange ersehnten Augenblick, der in Abwandlung aus Schillers "Ode an die Freude" lauten könnte:

Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium,

wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum!

Deine Zauber binden wieder, was der Welt Unrecht geteilt;

Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.

 

Die Realität, freilich, ist damals wie heute eine andere, wie uns das berühmte und in manchen Kreisen seit 1oo Jahren verbotene "Chanson de Craonne" (das Original hier) aus dem Ersten Weltkrieg deutlich macht, das ganz klar und ohne vaterländischen Stolz "die da oben" als die eigentlichen Kriegstreiber und Mordbrenner ausmacht und entsprechend brandmarkt - ein Zustand, der leider bis heute so geblieben ist. Für die Lorbeeren und den Luxus dieser herrschenden Klasse - das ist der eigentliche Feind - musste das gemeine Volk damals und leider nur allzu oft auch noch heute mit dem Leben bezahlen (wie der Refrain es besingt):

Leb' wohl Leben, leb' wohl Liebe,

Lebt wohl alle Frauen.

Es ist vorbei, für immer

mit diesem schändlichen Krieg.

Auf der Hochebene von Craonne

müssen wir unsere Haut lassen,

weil wir alle verurteilt sind;

wir alle sind die Opfer.